Intellektuelle Hochbegabung bei Kindern
Was bedeutet Hochbegabung bei Kindern?
Der Begriff „Hochbegabung“ bezieht sich – anders als beispielsweise die Verwendung des Begriffs „Talent“ – auf rein intellektuelle Fähigkeiten. Hochbegabten Kindern werden im Allgemeinen eine besonders hohe Intelligenz und damit eine herausragende Denk- und Problemlösungsfähigkeit bescheinigt. Sie verfügen in der Regel über eine gute Lernfähigkeit, eine schnelle Auffassungsgabe und außerordentliche Gedächtnisleistungen. In ihrer geistigen Entwicklung sind hochbegabte Kinder anderen Kindern ihres Jahrgangs oftmals um Jahre voraus.
"Hochbegabte und talentierte Kinder sind jene von berufsmäßig qualifizierten Personen identifizierten Kinder, die aufgrund außergewöhnlicher Fähigkeiten hohe Leistungen zu erbringen vermögen."
(Marland-Report, Erziehungsministerium USA) "Bei der intellektuellen Begabung ist Hochbegabung als besonders hohe Ausprägung von Intelligenz, als herausragende Denk- und Problemlösungsfähigkeit anzusehen."
(DGhK) Nach der Post-hoc-Definition müssen bei einem Menschen außergewöhnliche Leistungen vorliegen und der Betreffende muss Berühmtheit erlangt haben. Beispiele sind: Albert Einstein, Liselotte Meitner u.a. Nach der IQ-Definition gilt jemand als hochbegabt, der in einem IQ-Test einen Wert über 130 erreicht. "Hochbegabt ist, wer sich schnell Wissen über Sachverhalte und Problemlösungsstrategien aneignen kann, dieses Wissen in unterschiedlichen Situationen für unterschiedliche Problemlösungen effektiv nutzt, rasch aus seinen dabei gemachten Erfahrungen lernt und erkennt, auf welche neuen Situationen bzw. Probleme er seine gewonnenen Erkenntnisse übertragen kann und welche nicht."
(Detlev Rost)
Genauer gesagt: Hochbegabte Kinder verfügen über das Potential zu außergewöhnlichen Leistungen. Ob sie diese Leistungen auch tatsächlich erbringen, hängt von der jeweiligen Förderung und den Bedingungen des Umfeldes ab, in dem die Kinder aufwachsen. Hochbegabung ist nicht automatisch gleichzusetzen mit außergewöhnlicher Leistung. Insofern ist ein hochbegabtes Kind auch nicht immer einfach zu erkennen.
Eine gesicherte Aussage über vorhandene oder nicht vorhandene Hochbegabung liefert allein ein Intelligenztest. In der Intelligenz-Forschung gilt ein Kind nur dann als hochbegabt, wenn es in entsprechenden Tests einen Wert von über 130 Punkten erreicht bzw. einen Prozentrang von 98. Das bedeutet, dass etwa 2 Prozent der Kinder eines Jahrgangs intellektuell hochbegabt sind. Die Zahl der überdurchschnittlich intelligenten Kinder – also mit einem IQ-Wert zwischen 115 und 130 – liegt bei etwa 15 Prozent.
Woran erkennt man ein hochbegabtes Kind?
Auch besonders begabte Kinder sind in ihrem Verhalten und ihren Vorlieben sehr unterschiedlich. Es gibt also kein standardisiertes Verhaltensmuster eines hochbegabten Kindes. Allerdings gibt es einige typische Merkmale, die auf eine Hochbegabung schließen lassen:
- Allgemeine Entwicklung
- können übersprungen werden oder stark verkürzt sein, z.B. statt krabbeln sofort laufen
- sehr frühes und differenziertes Sprechen, keine Babysprache
- andere wiederum sprechen erst spät, dafür aber dann schnell in ganzen Sätzen
- viele hochbegabte Kinder schlafen gemessen an Gleichaltrigen sehr wenig
- bei manchen ist wiederum das Gegenteil der Fall
- Kinder neigen dazu, besonders ihre starken Bereiche weiter auszubauen
- oft stundenlanges Diskutieren darüber, ob ein Bild gemalt oder ein Aufsatz geschrieben werden soll; das Kind nutzt lieber seine herausragende Sprechfähigkeit, als eine Arbeit mit der Hand auszuführen (oft zugrunde liegende Defizite in der Feinmotorik oder auch Grobmotorik)
- in jungen Jahren sehr ausgeprägt: Wörter werden hinterfragt, Detailwissen aufgebaut
- Intensives Ausleben von Interessensgebieten (häufig dem Alter voraus), dann wieder Sprung zu anderen Gebieten
- Auffällig schnell, häufig verbunden mit weitreichender Kombination und Verknüpfung aus anderen Gebieten
- Arbeits- und Lernverhalten
- außerordentlich gut
- hohe Detailwahrnehmung
- ausgeprägter Sinn fürs Sortieren und Ordnen, z.B. Erkennen von Automarken mit drei Jahren
- weniger die Fähigkeit, früh bis 20, 100 oder 1000 zählen zu können, sondern eine richtige Einschätzung von Mengen und Größen
- frühe Rechenleistung, die sich aus Alltagssituationen heraus ergibt
- häufig früh ausgeprägtes Interesse an Buchstaben. Sobald die Kinder die Buchstaben beherrschen, kann das Interesse auch wieder abebben
- einige hochbegabte Kinder können bereits vor Schuleintritt lesen; dafür braucht das Kind eine bestimmte Entwicklungsdisposition: Fähigkeit zum Lesen kann nicht antrainiert werden
- hohe Konzentration bei intellektueller Herausforderung
- Konzentrationseinbruch bei Wiederholungs- und Routineaufgaben
- Häufig nicht gut bei hochbegabten Kindern ausgebildet. „Sich um etwas bemühen müssen“ im kognitiven Bereich in den ersten Lebensjahren ist eher selten.
- Desinteresse und Langeweile bei Routine- und Wiederholungsaufgaben wie z. B. Üben von Musikstücken, Training des 1 x 1
- Versuch, Aufgaben so perfekt wie mögich zu lösen
- Kritikäußerungen an dem Ergebnis eigener Anstrengungen
- Sozialer Bereich
- Häufig nicht gruppenkonform, andererseits Bedürfnis Mitglied einer Gruppe zu sein, teilweise sehr früh unabhängig und autonom
- häufig für das Alter weit voraus, was zu Unverständnis in der Gruppe führt und manchmal auch zu Fehlinterpretationen von Lehrern und Erziehern
- hochbegabte Kinder neigen zu Überempfindlichkeit und sind daher schnell aus einer Gruppe ausgeschlossen
- Hochbegabte setzen sich häufig für Außenseiter, Benachteiligte oder Behinderte ein
- werden hinterfragt, Anweisungen kritisch durchleuchtet
- Schwierigkeiten bei der Akzeptanz von unreflektierten Weisungen durch Autoritäten (kritisches Hinterfragen!)
- Kinder werden daher schnell als respektlos eingestuft
- Kinder möchten selbständig mit möglichst wenigen Anweisungen arbeiten
Entwicklungsphasen
Sprachaufbau
Schlafbedürfnis
Unterschiedliche Entwicklungsbereiche
Neugierde
Interessen
Auffassungsgabe
Gedächtnisleistung und Beobachtungsgabe
Zahlen
Buchstaben
Konzentration
Anstrengungsbereitschaft
Wiederholungsaufgaben
Perfektionismus
Individualität
Soziale Kompetenz und Sensibilität
Autoritäten
Mögliche problematische oder auffällige Verhaltensweisen
- „Zappelphilipp-Syndrom“ / Lebhaftigkeit / ADHS
- hochbegabte Kinder sind gerne auch sehr lebhafte, aufgeweckte kleine Energiebündel
- Unruhe und schnelle Langeweile
- motorische Unruhe, Zappeligkeit, Störverhalten, Impulsivität, Überempfindlichkeit
- ein Kind kann gleichzeitig überdurchschnittlich intelligent wie auch hyperaktiv sein, umgekehrt ist nicht jedes hyperaktive Kind auch hoch intelligent – beides sollte daher abgeklärt werden
- Hochbegabte Kinder – aber auch hochbegabte Erwachsene – leiden häufig unter einer Reizüberflutung im akustischen Bereich. Sie können selber laut sein, aber durch Geräusche in ihrer Umgebung sehr gestresst werden. Hier können Hörfilter gut helfen. (siehe „Links“)
Natürlich treffen nicht alle Merkmale gleichzeitig auf ein einzelnes Kind zu. Verfügt ein Kind aber über einige dieser Aspekte, ist die Absicherung mit Hilfe eines Intelligenztests ratsam.
Darüber hinaus gibt es einige auffällige Verhaltensweisen, die eine Abklärung von Hochbegabung notwendig machen: auffälliges, extrem störendes Verhalten; psychosomatische Probleme oder Ticks; Autoaggressivität; sogar Selbstmordgedanken können in Extremfällen auftreten.
Faktoren, die Hochbegabung fördern oder hemmen können
Hochbegabung ist ein relativ störanfälliges Konstrukt. Besonders intellektuelle Begabung entwickelt sich im Zusammenspiel aus erblichen Anlagen und Umwelteinflüssen. Um Hochbegabung entfalten zu können und eine positive Entwicklung des Kindes zu ermöglichen, müssen verschiedene Faktoren ineinander greifen:
Im Triadischen Interdependenzmodell der Hochbegabung nehmen Familie, Schule und Freundeskreis ("Peers") einen zentralen Platz ein: In diesen Sozialumgebungen kann jedes Kind und vor allem das hochbegabte Kind entscheidend gefördert oder gehemmt werden.
Die persönlichen Eigenschaften des Kindes wie Intelligenz, Kreativität oder Motivation spielen ebenfalls eine Rolle bei der Intelligenzentwicklung. Das Kind muss den Willen haben, sein Potential auch auszuschöpfen.
Daher sprechen wir erst dann von Hochbegabung, wenn die genannten Faktoren,
d. h. beide Dreiergruppen, so ineinander greifen, dass sich eine harmonische Entwicklung vollziehen kann (Mönks, 1990).
Auch in späteren Jahren ist die Entfaltung von intellektueller Begabung in hohem Maße abhängig von externen Faktoren: Unter äußerst ungünstigen Bedingungen kann Hochbegabung sogar verkümmern. Eine gezielte Förderung und Unterstützung in der Gesamtentwicklung des Kindes ist somit für die Erhaltung und Entfaltung von Hochbegabung von entscheidender Bedeutung.
Warum brauchen hochbegabte Kinder gezielte Unterstützung?
- soziale Isolation/Kontaktstörung
- Leistungsverweigerung und Schulangst
- psychosomatische Beschwerden
Leider ist noch recht häufig die irrige Annahme verbreitet, dass intellektuell begabte Kinder sich allein aufgrund ihres geistigen Potentials in jedem Falle und unter allen Bedingungen erfolgreich entwickeln.
Um aber ihren Beitrag für sich selbst und für die Gesellschaft zu realisieren, benötigen hochbegabte oder überdurchschnittlich begabte Kinder differenzierte pädagogische Programme und Hilfestellungen, die über die regulären Schulprogramme hinausgehen.
Viele hochbegabte Kinder passen sich den an sie gestellten Anforderungen an und zeigen nur selten ihre herausragende Denkfähigkeit. Das Risiko ist groß, dass diese Kinder nicht oder erst spät als besonders begabt erkannt und entsprechend wenig gefördert werden. Mit weit reichenden Folgen:
Nach einer für manche zu späten Einschulung müssen sich intellektuell begabte Kinder den Unterrichtsstoff häufig aneignen wie normal begabte - in demselben (für sie zu langsamen) Tempo, mit demselben (für sie zu leichten) Schwierigkeitsgrad und in demselben (für sie zu geringen) Umfang, und dies trotz ihrer sehr viel schnelleren Auffassungsgabe, ihrer herausragenden Denk- und Gedächtnisfähigkeiten.
Vor einer besonders schweren Aufgabe steht dabei der/die Klassenlehrer/-in in der Grundschule, da die Lernvoraussetzungen der Kinder sehr unterschiedlich sind. Bei intellektuell hochbegabten Kindern kann Langeweile und fehlende Anerkennung zu Motivationsverlust und Schulunlust führen. Dauert die Unterforderung über längere Zeit an, sind massive Lernschwierigkeiten vorprogrammiert:
- Lerntechniken werden nicht entwickelt
- Grenzen der eigenen Möglichkeiten werden nicht erfahren
- die mit Anstrengung noch erreichbaren Erfolge werden nicht erfahren
- keine oder wenig Konkurrenz
- Bewältigungsstrategien für Misserfolge und Frustration werden nicht entwickelt
Zu massivem Stress bei Hochbegabten führen auch:
- Mangel an Herausforderung (besonders im Grundschulalter)
- fehlende Kontakte mit hochbegabten Gleichaltrigen
- Mangel an Information über geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten
- Langeweile und Ungeduld im Unterricht
- fehlende Motivation
Diese Probleme können sich steigern bis hin zu störendem Verhalten (Erziehungsproblem Hochbegabung), kompletter Leistungsverweigerung, Resignation, Problemen in der Familie, ernst zu nehmenden Depressionen und psychosomatischen Störungen.
Werden hochbegabte Kinder entsprechend ihrer Begabung gefördert und erhalten sie die nötige Unterstützung durch ihr soziales Umfeld – also angemessene Angebote zur Selbstentfaltung -, entwickeln sie sich in der Regel zu kreativen, leistungsmotivierten, sozial engagierten und fröhlichen Persönlichkeiten.
Stand: 22.12.2011
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