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Warum eigentlich Förderung?

Immer wieder wird die Frage gestellt, warum hochbegabte Kinder zu fördern seien. In vielen Ratgebern wird als Grund für die Notwendigkeit einer Förderung das Motiv des Underachievements angegeben. Prado und andere WissenschaftlerInnen sind der Auffassung, dass diese Kinder und Jugendlichen aufgrund ihrer hohen Begabung Probleme in der Schule sowie in anderen Bereichen aufweisen, die aus der Hochbegabung resultieren. Darunter fallen

  • Schulversagen,
  • Probleme im sozialen Umfeld,
  • fehlende Lernmotivation,
  • Probleme mit LehrerInnen und
  • sozial-emotionale Probleme.

Die große Hochbegabungsstudie von Rost (Psychologie-Professor an der Universität Marburg) hat jedoch erwiesen, dass der Anteil dieser Gruppe maximal 15% beträgt, so dass der Anteil gemessen an allen SchülerInnen bei 2 - 3 % Hochbegabten verschwindend gering ist. Aus einer solch geringen Population lässt sich kaum die Forderung nach einer breiten schulischen und außerschulischen Förderung ableiten. Zudem konnte Rost feststellen, dass hochbegabte Jugendliche in ihrem Selbstverständnis und ihrer Persönlichkeit eher sozial-emotional besonders stabil sind und oft über hohe Lernmotivation verfügen. Des Weiteren sind die Leistungen der untersuchten Jugendlichen gut, sie haben einen Notendurchschnitt von 2,3, während normal begabte einen Notendurchschnitt von 3,2 besitzen. Diese Ergebnisse sollten Eltern und Freunde hochbegabter Kinder zunächst einmal erfreuen, räumen sie doch endlich mit dem alten Vorurteil des intelligenten, aber sozial unfähigen Kindes auf! Natürlich sollte man auch bei überdurchschnittlich intelligenten Kindern die allgemeine Entwicklung beobachten, allerdings sind sozial-emotionale Auffälligkeiten nicht per se an Hochbegabung bzw. überdurchschnittliche Intelligenz gekoppelt. Aber welche Gründe für die Forderung nach Begabtenförderung gibt es dennoch vor diesem Hintergrund?

hochbegabtes Kind ≠ sozial unfähiges Kind

Neben dem politischen Motiv, welches besonders nach dem PISA-Schock in der BRD manifest wurde, ergibt sich Begabungsförderung zunächst einfach aus dem Bildungsauftrag der Schulen. Für Erziehung und Unterricht ist es Aufgabe der Schule, die Entfaltung individueller Fähigkeiten zu ermöglichen. Schule soll ein Lebensraum sein, in dem SchülerInnen in ihrer Individualität ernst genommen und befähigt werden, ihre Neigungen und Begabungen zu entdecken, zu entfalten und zunehmend selbstbestimmt mit ihnen umzugehen.

Zudem ergibt sich aus den Ergebnissen von Rost ebenfalls die Notwendigkeit, hochbegabte Kinder und Jugendliche fördern zu müssen. Der Vergleich von hochleistenden und hochbegabten SchülerInnen ergibt, dass die Leistungen der Hochbegabten im Durchschnitt geringer sind als die der Hochleistenden (Hochbegabte = 2,3 und Hochleistende = 1,3). Geht man nun davon aus, dass Hochbegabung prinzipiell ein Potential zur Hochleistung darstellt, stellt sich die Frage, warum die entsprechenden Leistungen nicht erbracht werden. Hier spielen die nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle.

Hochbegabung ≠ Hochleistung

Vor dem Hintergrund der Flow-Theorie von Csikszentmihalyi (Psychologieprofessor an der Universität Chicago) kann vermutet werden, dass eine veränderte Lernsituation in der Schule oder auch die Herausforderung in außerschulischen Wettbewerben eine höhere Leistungsbereitschaft für diese Kinder zur Folge haben könnte, da sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht ihr Flow-Erlebnis erreichen (vgl. Huser 2000, S.29ff.).

Änderung der Lernsituation → höhere Leistungsbereitschaft

Grafik: FLOW-Modell eines hochbegabten Kindes nach Mihaly Csikszentmihalyi

Flow bedeutet, dass ein Zustand erreicht wird, in dem die Anforderungen an das Kind mit den Fähigkeiten des Kindes harmonieren (es erfolgt eine intrinsische Belohnung für das Handeln). Wenn das Spannungsfeld zwischen den Anforderungen und den Kenntnissen sowie Fähigkeiten ausgeglichen ist, kann Flow erreicht werden. Werden diese Anforderungen nicht erfüllt, bei Hochbegabten zum Beispiel bei zu geringen Anforderungen bei hoher Handlungsfähigkeit, stellt sich Langeweile ein. Umgekehrt würden zu hohe Anforderungen Sorgen und Stress auslösen.

Das Flow-Erlebnis trägt nach Csikszentmihalyi zudem in außerordentlicher Weise zur Entwicklung eines guten Selbstwertgefühls bei; die Kinder und Jugendlichen lernen, weil es ihnen Spaß macht.

"Für die Schüler mit hoher Leistungsfähigkeit ergibt sich der negativste Zustand eindeutig dann, wenn die Tätigkeit niedrige Anforderungen stellt und geringe Fähigkeiten verlangt"
Mihaly Csikszentmihalyi

Eine entsprechende Lernumgebung zu bereiten, ist eine große Herausforderung, sollte aber immer angestrebt werden. Dies bedeutet jedoch, dass man sich weitgehend von alten Unterrichtskonzepten wie auch von der alt tradierten LehrerInnenrolle verabschieden muss. In außerschulischen Institutionen gelingt es oftmals leichter, eine solche Lernumwelt zu gestalten und den Spaß am Lernen und Arbeiten (neu) zu wecken. Das liegt sicherlich daran, dass wir ein anderes Verhältnis zu den Kindern und Jugendlichen aufbauen können, da die Notengebung nicht wie ein Damoklesschwert über uns hängt. Auch sind wir in der Wahl und der Geschwindigkeit der Kursinhalte nicht an standardisierte Lehrpläne gebunden, was es uns ermöglicht, individueller auf die Interessen und Fähigkeiten der Kinder einzugehen.

Den Kindern wird so die Möglichkeit gegeben, an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeiten zu gehen und im optimalen Fall Flow zu erleben. Immer wieder berichten Eltern davon, wie ihre Kinder auf der Heimfahrt von den Kursen vollkommen entspannt und zufrieden sind, was dafür spricht, unseren Zielen gerecht werden zu können.


Wie kann ich fördern?

Unterrichtliche Maßnahmen zur inneren Differenzierung können bedeuten, den Lernstoff zu komprimieren und die gewonnene Zeit durch Anreicherung des Unterrichtsstoffes zu nutzen. Sinnvoll ist es, dies über Streichen oder Verkürzen von Übungsphasen zu erreichen.
Häufig reagieren die SchülerInnen sehr positiv auf den Verzicht von starren, methodischen Regeln. Jedoch ist stets darauf zu achten, dass Arbeits- und Lernmethoden beherrscht werden! Diese sichern auch den weiteren Erfolg.
Schulzeitverkürzende Maßnahmen wie frühzeitige Einschulung, Überspringen von Klassen und der frühzeitige Übergang zur weiterführenden Schule oder zur Oberstufe sollten genauestens überdacht werden.


Konsequenzen der Nicht-Förderung

Versäumnisse durch Nichtförderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher können gravierende Folgen haben, indem sie etwa zu Entwicklungsbeeinträchtigungen und erheblichen Erziehungsproblemen führen. Nicht selten treten Disharmonie mit sich und der sozialen Umgebung auf, Verhaltens- und Kontaktstörungen, Unruhe oder schulische Leistungsabfälle.
Aufgrund länger andauernder Unterforderung tritt eine Erhöhung des psychiatrischen Risikos auf.


Mögliche Verhaltensmuster bei hochbegabten Kindern mit individueller Förderung bzw. Nichtförderung:

Nichtförderung Förderung
stellen jegliche Neugierde ein
stehen morgens nicht auf
lieben alles Neue
sind ungeduldig sind kompromissbereit
schreiben schlechte Noten schreiben gute Noten
hohe Abstraktionsfähigkeit
hohe Konzentrationsfähigkeit
schnelle Auffassungsgabe
klagen über Langeweile
fühlen sich ständig angegriffen
Klassenclown
Anzeichen von Hyperaktivität
streiten häufig, sind unausgeglichen sind ausgeglichen, fröhlich
Schulversager hohe Leistungsfähigkeit
werden zum Träumer
versuchen, nicht aufzufallen
stellen Mitarbeit/Kommunikation ein
machen absichtliche Fehler
bekommen Angstzustände
entwickeln Ticks
stellen sich Herausforderungen
entwickeln soziale Kompetenz
lieben Diskussionen
lassen Schüler oft abschreiben
wirken ausgeglichen
haben kein Selbstbewusstsein
leiden unter psychosomatischen Beschwerden
gutes Selbstbewusstsein

Natürlich möchte jeder Lehrer bei einem hochintelligenten Schüler auch entsprechende Leistungen sehen. Zu beachten ist jedoch:

Bei Unterforderung

über eine längere Zeit kann es zu Leistungsschwierigkeiten kommen:

  • Lerntechniken werden nicht entwickelt
  • Grenzen der eigenen Möglichkeiten werden nicht erfahren
  • die mit Anstrengung noch erreichbaren Erfolge werden nicht erfahren
  • keine (oder kaum) Konkurrenz
  • Bewältigungsstrategien für Misserfolg und Frustration werden nicht entwickelt

Auch führen häufig folgende Bedingungen bei Hochbegabten zu Stress und Unwohlsein

  • Mangel an Herausforderung (besonders im Grundschulalter)
  • fehlende Kontakte zu hochbegabten Gleichaltrigen
  • Mangel an Information über geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten
  • Langeweile und Ungeduld im Unterricht
  • fehlende Motivation

IQ-Test und Hochbegabung, Hochleistung und Minderleistung

Anhand eines IQ-Tests im Sinne eines Begabungsprofils lassen sich, ergänzend zu nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen, verschiedene Ausprägungen von Hochbegabung erkennen, die jeweils in ein sehr unterschiedliches Leistungspotential münden.
Hier sollte ein wichtiges Erziehungsziel sein, dem Kind zur bestmöglichen Potentialentfaltung zu verhelfen bzw. diese zu stabilisieren.

SchülerIn A: - hoher IQ-Wert führt zur Hochleistung -
hat sehr hohe kognitive Fähigkeiten sowie sehr hoch ausgeprägte Eigenschaften hinsichtlich nicht-kognitiver Faktoren; dies wird auf der Verhaltensebene begleitet durch eine adäquat hohe Leistungserbringung. Es handelt sich hierbei um den Idealfall, bei dem das Hochleistungspotenzial tatsächlich in eine entsprechende Hochleistung umgesetzt wird. Als Maßnahmenvorschlag im diagnostischen Prozess gilt es, optimal unterstützende Rahmenbedingungen zu bewahren und eventuell ergänzende zu identifizieren, um dem Kind langfristig eine volle Entfaltung des Potenzials zu ermöglichen.

SchülerIn B - hoher IQ-Wert bei Leistungsverweigerung -
hat sehr hohe kognitive Fähigkeiten bei gering ausgeprägten Eigenschaften nicht-kognitiver Faktoren; auf der Verhaltensebene zeigt sich Leistungsverweigerung bzw. Nichterbringung ansprechender Leistungen. Die Diagnose "Hochbegabung" mit damit einhergehenden Leistungserwartungen anderer wäre in diesem Fall kontraindiziert. Hier spricht man von einem erwartungswidrigen Minderleister="underachiever".
Förderorientiert diagnostisch geht es vielmehr darum, herauszuarbeiten, welche hemmenden Faktoren genau in der Persönlichkeit bzw. im soziokulturellen Umfeld vorliegen. Entsprechende Maßnahmen im nicht-kognitiven Bereich wären dann anzuraten. Das Potenzial zur Hochleistung ist zum Zeitpunkt der Begutachtung – trotz hoher kognitiver Fähigkeiten – nicht gegeben.

Boreout

Aus der Arbeitswelt ist das Phänomen des Burnouts bekannt. Neue Forschungen berichten auch zunehmend von einem Boreout: Aufgrund von dauerhafter Unterforderung und fehlender Reize entwickeln sich negative psychosomatische Folgeerscheinungen wie Lustlosigkeit, Frustration und Langeweile. Dies führt dazu, dass einfache Aufgaben nicht in ausreichendem Maße erfüllt werden.

Paradoxon des Boreout

Durch Lustlosigkeit und Desinteresse werden einfache Aufgaben nicht in ausreichendem und zufriedenstellendem Maße erfüllt. Daraus folgt häufig bei LehrerInnen die Schlussfolgerung, das der Schüler/die Schülerin nicht in der Lage ist, komplexe Aufgaben zu bewältigen.Aus der Arbeitswelt ist dieses Phänomen bekannt; es betrifft insbesondere Arbeitnehmer, die besonders leistungsfähig sind, was höhere Aufgabenstellungen betrifft. Die Möglichkeiten werden ihnen allerdings nicht von Vorgesetzten geboten.

SchülerIn C – leicht überdurchschnittliche Intelligenz mit hoher Leistungsbereitschaft –
hat überdurchschnittlich hohe kognitive Fähigkeiten (aber keine Hochbegabung im Sinnes eines Mindest-IQ>=130) bei gleichzeitig herausragenden Eigenschaften im nicht-kognitiven Bereich; auf der Verhaltensebene manifestiert sich auch tatsächliche Hochleistung. Es handelt sich hierbei um die in der Forschung häufig vorgestellten Fälle von Leistungsexzellenz bei überdurchschnittlichem kognitiven Niveau. Leistungsmotivation, Engagement, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und Anregungsmilieu tragen derart stark zur Leistungsmanifestation bei, dass auch weiterhin von einem hohen Potenzial zur Hochleistung auszugehen ist.

Hochbegabung ersetzt nicht schulbezogenes Leistungshandeln! Es ist jedoch eine Aufgabe pädagogischen Handelns, den SchülerInnen Hilfestellungen zu geben, damit sie ihre Hochbegabung in schulbezogenes Leistungshandeln überführen können.


Vor- und Nachteile des Überspringens

Überspringen stellt an die Schüler hohe Anforderungen, sodass sicherlich einiges beachtet werden sollte:

Mit dem Überspringen verändert sich natürlich die Lernsituation. Im Laufe der Schulzeit erhöhen sich die Anforderungen an Anstrengungsbereitschaft, Ausdauer und Konzentration. Von älteren Schülern wird zunehmend mehr Selbständigkeit bei der Erledigung von Aufgaben erwartet. Sofern das Kind die notwendige Arbeits- und Lernhaltung noch nicht entwickelt hat, wird es auch dann, wenn es den intellektuellen Anforderungen gerecht werden könnte, in diesem Bereich möglicherweise überfordert sein.

Mit dem Überspringen erhöhen sich auch die Anforderungen im Bereich der Kulturtechniken. Hier sollte genau gesehen werden, welche Bereiche bei dem Schüler gut ausgebildet sind: Zum Beispiel können größere Fertigkeiten im Lesen und Schreiben nicht immer kurzfristig erreicht werden. Muss aber über längere Zeit Noch-nicht-Gelerntes nachgeholt werden, wird z.B. das langsamere Lese- und Schreibtempo des Kindes ein Mitkommen im Unterricht und den Anschluss an die Klasse erschweren. Hier sollte der Schüler/die Schülerin bei einem Sprung in die höhere Klasse eine deutliche Unterstützung erfahren.

Manchmal verschlechtern sich die Noten der Springer zumindest vorübergehend. Dies kann Kinder verunsichern und Eltern veranlassen, Leistungsdruck auszuüben. Das Kind kann darauf mit Angst, Selbstunsicherheit und Schulunlust reagieren. Eine begleitende emotionale Unterstützung sollte gegeben sein.

Bei einem raschen, flüchtigen Nachlernen ist zu befürchten, dass wichtige Phasen des Lernprozesses ausgelassen und neue Lerninhalte nur lückenhaft erworben werden. Dies würde sich vor allem in den Fächern negativ auswirken, die auf einen hierarchisch strukturierten Aufbau von Wissen und Kenntnissen abzielen. Hier sollte dem Kind eine strukturierte Hilfe gegeben werden.

Das Überspringen setzt bei den Stärken des Kindes an, nicht bei dessen Schwächen.

  • Nicht-intellektuelle Bereiche z. B. Sport, Musik, soziale Kompetenz werden nicht ausreichend gefördert: Vielseitige Persönlichkeitsentwicklung wird evtl. gehemmt
  • Entwicklung zu sehr auf intellektuelle Förderung ausgerichtet
  • Peer group sind nach dem Überspringen ältere Schüler: Interessen, Freizeitaktivitäten oder soziale Normen sind anders, dies führt möglicherweise zu Integrationsschwierigkeiten

Daher ist im Einzelfall abzuwägen, ob das Überspringen einer Klasse tatsächlich langfristig zu der gewünschten intellektuellen Auslastung führt oder ob die möglichen Nachteile überwiegen könnten. Wie auch bei der vorzeitigen Einschulung kommt es auf die körperliche, die geistige, die emotionale und die soziale Reife an.

Stand: 18.03.2017 top